Carcassonne – Spiel oder blutiger Ernst ?

Wie die Stierkampfkrake eine Stadt umschlingt.

Der Millionenerfolg des Gesellschaftsspiels „Carcassonne“ lässt fast vergessen, dass es in Südfrankreich auch eine Stadt gleichen Namens gibt. Das wirkliche Carcassonne ist ebenso wie das Spiel ein Millionenhit. Nach Versailles soll die Stadt mit der auf einem Hügel gelegenen Festung die zweit besuchte Touristenattraktion in Frankreich sein. Um noch mehr Besucher anzulocken und damit das Stadtsäckel prall zu füllen, lässt sich der neue Bürgermeister Monsieur Larrat immer mehr Gags einfallen. In diesem Jahr am 14. Juli, dem französischen Nationalfeiertag, gab er viel Geld für ein Etappenziel der Tour de France in seiner Stadt  aus. Der Endspurt vor der großartigen Kulisse der mittelalterlichen Stadt lockte sage und schreibe 500.000 Zuschauer an, zehn Mal so viel wie Carcassonne Einwohner hat.

Monsieur Larrat hat Großes vor, denn im nächsten Jahr ist Bürgermeisterwahl, und er möchte schließlich wieder gewählt werden. So soll Carcassonne nach seinem Willen auch in die Nationalliga aufsteigen. Nicht vom Fußball ist hier die Rede, sondern vom Aufstieg in die Spitzenklasse der Tierquäler, die sich am Töten von Stieren ergötzen. Im Kreis der großen Stierkampf-Arenen Spaniens, Portugals und Südfrankreichs spielt Carcassonne nämlich noch keine große Rolle und das soll sich ändern.  

Seit fünf Jahren gibt es wieder Stierkämpfe in der Stadt an der Aude. Nach 42-jähriger Pause hatte der Vorgänger Larrats die Corrida wieder aufleben lassen. Mangels Interesse an dem widerlichen Spektakel wurde in den Nachkriegsjahren die alte Arena abgerissen. Die unverbesserlichen Anhänger des Stierkampfs, aficionados genannt, gingen mit ihrem weiterhin bestehenden Fan-Club auf Reisen, um in Städten wie Barcelona, Nîmes , Béziers usw. ihrer perversen Leidenschaft nachzugehen. Eines Tages genügte es den Stierkampftouristen nicht mehr, nur in fremden Städten Blut fließen zu sehen. Daraufhin beauftragte der alte Bürgermeister als Ehrenmitglied des Stierquälervereins seine Stadtverwaltung, das grausame Spektakel, umrahmt von einer großen Fiesta, in Carcassonne wieder aufleben zu lassen. „Fiesta y Toros“ wurde das Neugeborene genannt, das von nun ab den Stadtkämmerer nicht mehr schlafen ließ.

Nur mit Mühe ließ sich die mobile Arena, die jedes Jahr von einem spanischen Unternehmen angemietet wurde, mit zahlenden Zuschauern füllen. Auch mit großzügig verschenkten  Eintrittskarten ließ sich die Rentabilität nicht steigern. Für das Engagement von großen Matadoren und den Ankauf von Stieren berühmter Züchter fehlte das Geld, so dass die fanatischen aficionados die Carcassonner Stümperei links liegen ließen und die großen Arenen des Südens bevorzugten.

Mit dem neuen Besen im Rathaus und einem neugegründeten Stierkampfclub wurde es nun anders: Diesem Club gelang es gleich in drei weiteren Städten des Departement Aude, dessen Hauptstadt Carcassonne ist, Fuß zu fassen und gründete in diesen Städten Stierquälerfilialen mit den dazugehörigen Pastis-Stammtischen. Wie eine Krake streckte der Stierquälerclub seine Fangarme nach kleineren Dörfern des Departements aus, in denen in diesem Sommer Fiestas nach spanischem Vorbild mit bunter Folklore und Bodegas das Publikum in Scharen anzog. Tapas gab es satt und der Wein floss dabei in Strömen. Wie in Pamplona durften Stierrennen, bei denen berittene Kuhhirten Stiere durch die mit Zuschauern gesäumten Strassen treiben, nicht fehlen. Und als dörfliches Vorspiel der Corrida in Carcassonne durften Torero-Lehrlinge in provisorischen Arenen an jungen Kälbern – noch unblutig – ihre „Künste“ vorführen.

Auch in der Provinzhauptstadt selbst ist der neue Wind zu spüren, und die Werbung für die kommende Corrida-Woche nicht zu übersehen. Um das Publikum schon vorher an das Ambiente der Stierkampf-Arena zu gewöhnen, werden darin als hors d’oeuvre Reitvorführungen, Boulewettbewerbe, Flamencotänze angeboten. Als Köder für Familien mit Kindern wurden an den der Stierkampf vorangehenden Wochenenden bei freiem Eintritt das in Frankreich sehr beliebte „toro piscine“ veranstaltet, bei dem Freiwillige aus dem Publikum junge Rinder triezen und sich ,wenn das gereizte Tier angreift, in ein niedriges Planschbecken retten. Obwohl die Spitzen der Hörner der Tiere mit einem Aufsatz entschärft wurden, ist das „Spiel“ für die Wagemutigen nicht ganz ungefährlich. Rundherum in der Arena weisen nicht zu übersehenden Reklametafeln auf das kommende Schlachtfest, sprich Corrida, hin. Darüber hinaus preist der Ansager bei der Präsentation der Tiere die Zuchtbetriebe, aus denen nicht nur die jungen Rinder sondern auch die dem Tod geweihten Stiere für die Stierkämpfe stammen.

Nach dem Vorgeplänkel des toro piscine wird es blutiger Ernst und die Arena wird nun an den zwei letzten Wochenenden im August für die richtigen Stiertöter freigegeben. Mit einem bolsin , einem Wettbewerb von Torerolehrlingen, fängt es an (siehe unseren Artikel „Stierkampf-Olympiade in Carcassonne“). Die erste Runde ist noch unblutig, nicht weil man die armen Tiere sondern die Stadtkasse schonen will, denn die Tiere kosten eine Stange Geld. Im Finale wurde jedoch nicht mehr mit Tieren gespart und dem Sieger der Lehrlingsrunde wurde als Trophäe zwei Ohren des getöteten Opfers feierlich überreicht. Das kommende zweite Wochenende ist den Profis vorbehalten. Um der Emanzipierung auch in der Stierkampf-Arena zum Durchbruch zu verhelfen, kommen zuerst die Amazonen als berittene torera zum Zuge, die vom Pferd aus ihre banderillas den Stieren in den Rücken stoßen und erst absitzen, wenn sie den geschwächten Tieren den Garaus bereiten. Der traditionelle spanische Stierkampf, bei dem Toreros dem Stier zu Fuß gegenüber stehen, ist noch die Domäne von Männern und bildet an den letzten beiden Tagen den krönende Abschluss des Blutfestes.

Zum Leidwesen der Veranstalter treten in Carcassonne noch keine großen matadores, sondern nur novilleros auf, die sich ihre Sporen, sprich Ohren, erst verdienen müssen und das ärgert den  Bürgermeister. Erst wenn in Carcassonne nicht nur novilladas sondern auch richtige corridas stattfinden und wenn diese Stadt mit den Blutstädten Madrid, Pamplona oder Nîmes in einem Atemzug genannt wird, wird der ungeduldige Bürgermeister zufrieden sein.

Mit dem bombastischen Rahmenprogramm der semaine espagnol , einer spanischen Woche, kann er jetzt schon mit den Großen mithalten. Auf dem Festplatz, dem campo de feria, amüsiert sich das Volk bei sevillanischen Tänzen, Flamenco, argentinischen Tango und spanischen Bandas. Wein in allen Farben und reichlich Anisschnaps lassen die Stimmung steigen. Chico Bouchikhi mit seiner Zigeunerband ist die Hauptattraktion der diesjährigen Feria. Der legendäre Starsänger der Gypsie Kings, der vor einiger Zeit zum UNESCO-Botschafter ernannt wurde, ist schon jetzt bei jeder Gelegenheit in der Stadt präsent. Bürgermeister Larrat nahm das Erscheinen von Chico zum Anlass, in seinem Geleitwort zur Feria den Eindruck zu erwecken, dass der Zigeunermusiker in offizieller Mission dem Corridafest die Weihen der UNESCO gibt.  

Die Feststimmung lässt die Besucher vergessen, dass bei der Corrida in Carcassonne jedes Jahr zwanzig Stiere getötet werden. Seit der Neuauflage der Stierkämpfe vor fünf Jahren wurden in dieser Stadt schon über 100 Stiere in jeweils 20 qualvollen Minuten zu Tode gemartert. Und so wird es noch Jahre mit dem Rückenwind der Medien als Hofberichterstatter weitergehen! Das Volk amüsiert sich währenddessen bei Wein und Tapas. Auch wenn sich nicht alle das blutigen Schauspiel ansehen, möchten sie jedoch nicht auf das große Fest, der „Fiesta y Toros“, verzichten und dazu gehört für sie nun einmal zwangsläufig die Corrida. Für das Schicksal der gequälten Tiere interessieren sie sich überhaupt nicht. Der Rest der Bevölkerung, der nicht mitfeiert, zuckt resigniert die Schultern und schweigt mehrheitlich.

Nachtrag: Das düstere Bild, dass wir in diesem Artikel zeichnen, möchten wir etwas aufhellen: Etwa 60 Bürger der Stadt Carcassonne opponieren mehr oder weniger aktiv in unserem Antistierkampf-Komitee und geben nicht auf, gegen die Barbarei anzugehen. Wir hoffen sehr, dass die Öffentlichkeit in anderen Ländern wahrnimmt, dass es nicht nur auf der iberischen Halbinsel Stierkämpfe gibt, sondern auch in Frankreich. Unsere Webseite soll dazu beitragen, den Skandal des Stierkampfs in diesem Land, das als hochzivilisiert gilt, bekannt zu machen.

Berichte über Aktionen des Antistierkampf-Komitees von Carcassonne

Demonstration am 25. und 26. August 2006

Demonstration am 25. August 2007

 

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8.09.2007