Marseille in Gefahr

Wie die Stierkämpfer geschickt Hamburgs Partnerstadt unterwandern und wie sie versuchen, das blutige Spektakel der Corrida dort wieder einzuführen. Ein Projekt zum Bau einer Multifunktionsarena dient ihnen dafür als Vorwand.

Als in Hamburg die AOL-Arena für den HSV gebaut wurde, verdächtigte niemand den Bauherrn, eine Arena für Veranstaltungen von Tierquälern zu bauen. Allein die Benutzung des Wortes Arena ist in deutschen Landen unverdächtig und wird eher mit Sportveranstaltungen in Verbindung gebracht. Wer denkt dabei noch an die grausamen Gladiatorenwettkämpfe in den römischen Arenen? 

Die Franzosen bringen das Wort Arena - nicht wie die Deutschen - mit Fußball in Verbindung. Die vielen römischen Arenen im Süden Frankreichs sind immer noch Symbol blutrünstiger Grausamkeiten, nicht weil die Franzosen geschichtsbewusster als die Deutschen sind, sondern weil in den Arenen weiterhin zum Ergötzen des Publikum gequält und getötet wird, nämlich beim Stierkampf. Nicht nur in den antiken Arenen von Nîmes und Arles werden Tiere zu Tode gefoltert, sondern auch in extra hierfür errichteten Neubauten.

Solch eine Arena soll nun in Marseille entstehen, und es wird dafür um Geldgeber und politische Unterstützung geworben. Die Promotoren des Projektes lassen natürlich nicht die Katze aus dem Sack. Vordergründig soll die Arena für Tennisturniere, Basket- und Handballspiele, Zirkus, Popkonzerte, Opernaufführungen und vieles mehr dienen. Dass dort auch Corridas vorgesehen sind, wird mit keinem Wort erwähnt! Warum also die Aufregung? Wenn nicht der Stierkampfclub „TOROS MEDITERRANEE ARLES MARSEILLE“ als Initiator des Projekts unterschrieben hätte, wäre die Frage durchaus berechtigt. Überzeugen  Sie sich selbst: http://www.arenesdemarseille.com/

Um schon einen Vorgeschmack für das, was die Marseiller in der geplanten Arena erwartet, zu erhalten, veranstalteten die Stierschlächter schon zum zweiten Mal eine „Fiesta du Sud“ und errichteten dafür eine mobile Arena am Rande des alten Marseiller Hafens. Eine Corrida wagten sie noch nicht auszurichten. Sie versuchten es erst einmal mit einer „capéa“, einem Scheinstierkampf, bei dem nicht getötet wird. Doch als dieser ihnen vom Stadtrat verboten wurde, veranstalteten sie traditionelle Stierrennen, wie sie in der Camargue üblich sind, und „toropiscine“, bei dem sich Wagemutige vor gereizten Kühen in ein Planschbecken retten.

Auch wenn der Bürgermeister von Marseille erklärte, dass es in seiner Stadt nie eine Stierkampftradition gegeben hat (was nicht stimmt) und auch nie geben wird, ist große Vorsicht geboten. Die Wankelmütigkeit französischer Stadtoberhäupter ist wohl bekannt, und in zwei Jahr sind Neuwahlen, nach denen sich alles ändern kann. Der politische Einfluss der Stierkampfbetreiber darf nicht unterschätzt werden, wenn man bedenkt, dass beispielsweise der französische Innenminister, Präsidentschaftskandidat und Parteifreund des Marseiller Bürgermeisters Nicolas Sarkozy ein begeisterter „aficionado“ (Stierkampfanhänger) ist und dass sich viele wichtige Marseiller Politiker in dieser Frage bedeckt halten.

Angesichts der Entwicklung in Marseille ist Schlimmes zu befürchten. Schon in Carcassonne lief vor fünf Jahren ein Stadtrat in das Stierkampflager über und Prozesse der Tierschützer gegen die dortige Corrida wurden mit dem fadenscheinigen Argument, dass dort schon immer eine Stierkampftradition bestanden habe, von den Gerichten abgeschmettert. Wie in Carcassonne fanden auch in Marseille über 40 Jahre mangels Interesse keine Stierkämpfe mehr statt. Die Tradition in Marseille ließe sich also leicht konstruieren.

Die Stierkampfgegner beobachten die Entwicklung in der  Stadt am Mittelmeer mit Sorge und alarmierten die Marseiller Bevölkerung mit einem Protestmarsch über die Canebière bis zur mobilen Arena der Stierquäler. Unterstützt wurden die Warnrufe von namhaften Stars des „showbiz“ - u.a. Yannick Noah, Johnny Clegg - die zufällig am selben Wochenende in Marseille in einer Fernsehshow auftraten und dabei ihre Abneigung gegen die Corrida publik machten.

Über die weitere Entwicklung in Marseille werden wir hier zu gegebener Zeit berichten und Alarm schlagen, wenn es brenzlig wird.

 

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