Blutige Emanzipation in der Stierkampfarena von Arles

Eine19jährige Französin versucht als erste Frau die Domäne der Männer beim Stierkampf zu erobern.

Wieder einmal versucht eine Frau, eine der letzten Bastionen zu erstürmen, die Männern  vorbehalten ist, und dazu noch eine fast uneinnehmbare Festung des Machismos, die Corrida. Nachdem die Spanierin Cristina Sanchez 1996 in der Arena das Handtuch geworfen hat, wagte es keine Frau mehr, bei der Variante des Stierkampfs, die zu Fuß ausgetragen wird, in diese Männerwelt einzudringen. Beim Stierkampf zu Pferde werden ausnahmsweise einige "Damen" toleriert, die hoch zu Ross mit reiterlicher "Eleganz" Stiere malträtieren dürfen. Doch als Stiertöter zu Fuß wurden von den Stierkampf-Machos bisher nur Männer geduldet. 

Der heiße Wunsch der neunzehnjährigen Französin Marie Barcelo, diese Männerdomäne zu erobern (siehe Foto), erregt im chauvinistischen männlichen Stierkampf-Milieu großes Aufsehen und vor allem befremdende Skepsis. Für die Medien ist die junge Stiertöterin als Superstar das gefundene Fressen. Mit ihr rühren sie wieder einmal für das blutige Gemetzel in den Arenen emsig die Reklametrommel. Am Karfreitag des vergangenen Oster-Wochenendes durfte Marie Barcelo nun endlich bei der berühmtberüchtigten "Feria de Pâques" in der antiken Arena der südfranzösischen Stadt Arles zwei stolze Jungstiere töten. Ihr gelang es zwar, die armen Tiere ins Jenseits zu befördern, doch mangelte es der Novizin an der gebotenen quälerischen Finesse und Technik, um ihre Opfer vor dem Todesstoss kunstgerecht zu demütigen und zu zermürben. Im Gegensatz zu den beiden Jungtoreros, die vor und nach ihr auftraten, wurden ihr deshalb von der Jury  keine abgeschnittenen Ohren als Trophäen verliehen, die bekanntlich den armen Tieren noch in den letzten Zügen abgeschnitten werden. 

Wahrscheinlich wurde Marie Barcelos Werdegang als Stierkämpferin von den Genen ihrer Eltern vorbestimmt. Sie wuchs in der südfranzösischen Küstenlandschaft auf dem väterlichen Bauernhof auf, dessen Spezialität die Aufzucht vom Kampfstieren ist. Schon im zarten Kindesalter entstand eine "innige" Beziehung zu den Tieren, die sie später töten sollte. Während ihrer Schulzeit zog sie es vor, mit Stieren anstatt mit Kindern zu spielen. Schon mit sieben Jahren gewöhnten die Eltern ihre Tochter an Stierkämpfe, die in vielen Arenen ihrer Gegend stattfinden. Ihr Vater, der seinen Traum, ein berühmter Stierkämpfer zu werden, nicht verwirklichen konnte und als Ersatzbefriedigung in seiner Freizeit mit seinen Kühen Torero spielte, hinterließ in dem aufwachsenden Kind, das er dabei oft auf den Armen hielt, prägende Spuren. Eines Tages, als sich Marias Papa wieder einmal während der Brandmarkung seiner Rinder als Möchtegerntorero mit einer Kuh "amüsierte", entstand in dem jungen Mädchen der Wunsch, ihrem Vater nachzuahmen: Im Alter von 12 Jahren versuchte sie sich von nun an selbst an Kälbern aus der Zucht ihrer Eltern.

Mit 16 Jahren trat Marie Barcelos in die Stierkampfschule von Nîmes ein und tötete schon nach vier Monaten Lehrzeit ihren ersten Stier. Nach dem Abitur verfeinerte sie ihr perverses Wissen und Können an der Stierquäler-Schule von Arles, um sich dort auf eine Karriere als Profi-Stiertöterin vorzubereiten. Häufige Reisen nach Andalusien gaben ihr Gelegenheit, praktische Erfahrungen im Stiertöten zu sammeln. Mit dem Erreichen der Volljährigkeit schenkte die Stierkampfschule von Arles der18jährigen Marie das prunkvolle Kostüm des Toreros, und seitdem trat sie mit dem 3000 Euro teuren Gewand als novillera in kleineren Stierkampfarenen auf. 15 richtige Stierkämpfe hat sie in ihrer kurzen Karriere ausgefochten und nur einmal ist es ihr nicht gelungen, den Stier umzubringen. Wie viele Stiere, Kühe, Bullen und Kälber sie beim Training in den Stierkampfschulen und auf der elterlichen Farm verbrauchte und welches Gemetzel sie dabei anrichtete, bleibt verborgen.

Mit ihrer Nominierung für die große und Prestige trächtige "Feria de Pâques" von Arles ging der Medienrummel um die junge Torera erst richtig los. Zahlreiche Fototermine und Interviews gaben der selbstbewussten Stierkämpferin Gelegenheit, sich über ihre mörderische Leidenschaft zu äußern: "Man liebt so sehr die Stiere, so dass man ihnen Gelegenheit gibt, ihre Tapferkeit und Noblesse im Kampf zu zeigen. Es bricht uns das Herz, sie anonym und ohne Ruhm im Schlachthof sterben zu lassen." "Einen Stier in der Arena zu töten, ist die beste Art ihn zu ehren. Zumal er eine Überlebenschance hat: Wenn er außerordentlich gut ist, wird er begnadigt und wird Zuchtstier." So kann nur jemand reden, der in seinem Elternhaus keine Liebe erfahren hat und schon von klein auf ohne freundschaftliche Beziehungen zu Gleichaltrigen zum Quälen und Töten dressiert wurde.

Wird Marie ihren Platz im Kreise ihrer männlichen Kollegen finden? Oder wird sie frustriert aufgeben, wie es der spanischen torera Cristina Sanchez erging, als die Matadore männlichen Geschlechts sich weigerten, mit ihr zusammen die Arena zu betreten? Wird sie die Entfremdung von ihren Freundinnen ertragen? "Die meisten (von ihnen) mögen den Stierkampf nicht. Es ist sehr schwer für Leute außerhalb des Milieus, meine Leidenschaft zu verstehen", wie die Unverstandene bedauert. Offenbar hat Marie Barcelo noch nicht wahrgenommen, welches Leid sie den von ihr gequälten Tieren zufügt. Ihr ist wohl auch nicht bewusst, dass, was sie als Kunst und Tradition versteht, nichts anderes ist als gemeine Tierquälerei. Sollte sie dennoch irgendwann begreifen, welch barbarischen Beruf sie ausübt und welcher perversen Leidenschaft sie verfallen ist, würde sich in ihr eine wunderbare Emanzipation zum Wohle der gequälten Tiere vollziehen.

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