Frankreich: Präsident Sarkozy bildet ein Stierkampfkabinett
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„Ich weiß nicht, ob Sie einmal Ministerpräsident Ihres Landes sein werden, aber ich hoffe, dass Sie dann diese barbarische Kunst, die Sie Corrida nennen, beenden werden.“ Mit Wehmut werden die französischen Tierfreunde diesem Ausspruch von Jacques Chirac nachtrauern, den er 1989, damals noch Präsidentschaftskandidat, dem zukünftigen spanischen Ministerpräsidenten José Maria Aznar freundlicherweise bei einem Dinner servierte. Es sei auch daran erinnert, dass Chirac in Frankreich die Todesstrafe abschaffte. Die grausame Hinrichtung der Stiere in den Arenen Südfrankreichs abzuschaffen, versäumte er jedoch in seiner langen Amtszeit. Nun ist ein neuer Besen in den Elysee-Palast eingezogen und verspricht Frankreich mit dem Kärcher-Hochdruckreiniger zu renovieren. Hoffnungen, dass der neue Präsident Nicolas Sarkozy damit auch den Stierkampf in den Gully der Geschichte spritzt, lässt er gar nicht erst aufkommen. Als Präsidentschaftskandidat hatten man von ihm den Eindruck, dass er am liebsten selbst als Torero in die Arena steigen würde, um den französischen Stier bei den Hörnern zu nehmen. Kurz vor dem zweiten Wahlgang gönnte er sich eine Ruhepause auf dem Gestüt eines Stierzüchters in der Camargue und zeigte sich der Journalistenmeute stolz zu Pferd als Möchtegern-Cowboy. Nicolas Sarkozy ist fest im Stierkampfmilieu verankert. Seine Freunde sind unverbesserliche Stierkampffans und üben nicht nur auf ihn einen großen Einfluss aus. Christoph Lambert, schillernder Patron eines mächtigen Werbekonzerns und einflussreicher Wahlkampfberater Sarkozys, zählt zu den engen persönlichen Freunden des neuen Präsidentenehepaars, das sich häufig auf der Stierzuchtfarm ihres Freundes entspannte. Die Liebe zum Stierkampf, und nicht nur diese, teilt sich Lambert mit der französischen Stierkämpferin Marie Sara, die er heiratete. Teilhaber an seiner Farm ist, nebenbei gesagt, der zwielichtige Direktor der Stierkampfarena von Nîmes Simon Casas (1), an dessen Seite im letzten Jahr Sarkozy beim Stierkampf in Sevilla zu sehen war. Die Liebe war es
auch, die in Frankreich zu einem Medienskandal führte. Durch Lambert
lernte Präsidentengattin Cécilia dessen Kumpel und Teilhaber am
Mediengeschäft Richard Attias kennen und flüchtete mit ihm ins
Liebesasyl nach Amerika. Paris Match heftete sich an die Fersen
des Liebespaars und sorgte mit einer Fotoreportage über die delikate Affäre für
eine hohe Auflage. Großzügig verzieh Nicolas Sarkozy seiner Frau den
Seitensprung, doch dem Chefredakteur der Zeitschrift wurde keine Gnade gewährt.
Er wurde gefeuert! Nikolas Sarkozy
kann sich auf seine Freundschaft mit den wichtigsten Medienmoguln Frankreichs
verlassen. Als seine Frau „verdächtigt“ wurde im zweiten Wahlgang nicht an
der Wahl teilgenommen zu haben, wurde ein Artikel im Journal de Dimanche
darüber in letzter Minute auf Geheiß des Eigentümers der Zeitung zurückgezogen.
Die mit Sarkozy befreundeten Medienmilliardäre sorgen auch dafür, dass
in ihren Zeitungen, Fernseh- und Rundfunkkanälen über den Stierkampf gebührend
berichtet und dort keine Kritik an ihrer perversen Leidenschaft geübt wird. Sicherlich wäre es
falsch, dem neuen Präsidenten unterzuschieben, dass die Stierkampfleidenschaft
ein Kriterium für die Auswahl seiner Minister ist. Doch ist es schwer
vorstellbar, dass ein Gegner der Barbarei in den politischen Kreisen, die
den Präsidenten umgeben, Karriere machen könnte, schon gar nicht als
Premierminister wie François Fillon, dessen zur Schau gestellte
Bescheidenheit verbirgt, dass er begeisterter Stierkampfanhänger ist und zudem
einem Arbeitskreis der Assemblé Nationale zum Schutz der „Tradition
der Corrida“ angehörte. Auch die neue Innenministerin, die Ministerin für
Gesundheit und Jugend, der Umweltminister und sein Vorgänger, der
2004 als stellvertretender Bürgermeister von Paris wegen fiktiver Arbeitsplätze
verurteilt wurde (2), sind
regelmäßig in den Stierkampfarenen im Süden anzutreffen und machen aus ihrer
Passion an der Stierquälerei keinen Hehl. Auch mit der Wahl der sozialistischen Präsidentschaftskandidatin Ségolène Royal hätte das Leiden der Stiere in den Arenen keine Ende genommen. Um es ihrem rechten Rivalen gleich zu machen, biederte sie sich den Stierquälern an und gab auf der Hazienda eines „Kampf“stierzüchters zur Freude der Stierkampfpresse von sich: „Der Stierkampf ist ein großartiges Spektakel. Ich verstehe die Leidenschaft derjenigen, die sich dafür begeistern.“ Es ist durchaus „verständlich“, dass sie die Unterstützung der sozialistischen Platzhirsche und „aficionados“ in Südfrankreich nicht verlieren wollte. Nun muss Frankreich fünf Jahre mit einem Präsidenten leben, der nichts tun wird, um die Stierquälerei zu beenden, obwohl er lauthals nach seinem Wahlsieg verkündete, dass er sich verändert hat. Seine Antwort auf kritische Fragen der Alliance Anticorrida schien seine Läuterung zu bestätigen: „In meinen Augen ist es nicht die Rolle des nationalen Erziehungswesens, die Förderung des Stierkampfs gegenüber den Kindern zu gewährleisten.“ Der Stierkampf wird sich „ unter Berücksichtigung der Entwicklung der Gesellschaft, die mehr und mehr empfänglicher für die Frage nach dem Wohlergehen der Tiere ist“, weiterentwickeln. „Ferias ohne Stierkämpfe sind ein möglicher Weg der Entwicklung.“ Unzählige Stiere werden, bis diese Entwicklung eintritt, ihren Folterknechten weiterhin ausgeliefert sein. Die Stierquäler werden sich mit politischer Unterstützung des lokalen politischen Establishments ihr perverses Vergnügen nicht nehmen lassen. Eher wird den Stierquälern der Nachwuchs ausgehen, denn die Jugend interessiert sich nur noch wenig für das archaische Spektakel. Trotzdem nehmen wir Sarkozy beim Wort: „Es gibt keine Schicksalsfügung, weil es für jede Lage Gründe gibt, die unserem Lande eigen sind.“ Diesen Satz hämmerte der Nicolas Sarkozy dem französischen Volk zur Lösung aller Probleme pausenlos während des Wahlkampfs und noch nach seiner Inthronisierung als Präsident ein. Daran werden die Tierschützer seines Landes sich halten und ihm seine fatalistische Antwort an die Alliance Anticorrida ohne Unterlass unter die Nase reiben. Ob Chirac oder Sarkozy, für die Stiere bleibt alles beim Alten - eine grausame Fatalität! (1) Meldung vom 20.5.2007: Simon Casas kandidierte in Nîmes für die französische Nationalversammlung, um auf nationaler Ebene die Corrida zu verteidigen und erhielt nur 5% der Stimmen. (2) Er ist bereits zurückgetreten, da er nicht, wie von Sarkozy gefordert, bei der Parlamentswahl das Votum der Wähler erhielt. |
Chirac und Aznar diskutieren über die Corrida.
Sarkozy als Cowboy in der Camargue
Sarkozy mit Casas beim Stierkampf in Sevilla
Der Präsident mit seinen Stierkampf-Ministern
Ségolène Royal - Stierkampffreundin
Wir fordern das Verbot des Stierkampfs!
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| taz: Ein alter Bekannter | |
| Süddeutsche Zeitung: Medien in Frankreich -Verhüllungs-Journalisten | |
| Unser Artikel: Präsident Sarkozy in der Zwickmühle |
30.12.2007