Corrida in Frankreich: Eine blutige Geschichte

Nur 50% der Franzosen sind für das Verbot des Stierkampfs

 

Sehr knapp ist das Ergebnis einer Meinungsumfrage in Frankreich zum Verbot des Stierkampfs ausgegangen, die das Meinungsforschungsinstitut IFOB im Auftrag der Stierkampf freundlichen Zeitung Midi Libre durchführte. 50% der 1005 Befragten sind für das Verbot und 48% dagegen. Für die Stierkampfanhänger und besonders den Promotoren des blutigen Spektakels kommt das  Ergebnis gerade rechtzeitig, denn das Thema wird im Moment in Frankreich heftig diskutiert. Dabei steht insbesondere die Frage im Mittelpunkt, ob Jugendlichen unter 16 Jahren der Besuch von Stierkämpfen verboten werden soll. Eine Delegation der französischen Tierschützer - wir berichteten darüber - trug diese Forderung Präsident Sarkozy vor, der versprach, in Kürze darüber zu entscheiden. Zu dieser Frage äußerten sich die vom Meinungsforschungsinstitut befragten Personen ebenfalls: 59% sind dafür, Jugendliche vor dem Gemetzel zu verschonen und 40% meinen, dass ihnen das zugemutet werden kann. Dieses nicht sehr günstige Ergebnis für die Stierkämpfer stand selbstredend nicht auf der ersten Seite von Midi Libre.

 

Der Zeitpunkt der Umfrage wurde von Midi Libre geschickt gewählt, da die Frage zur Zeit die politische Diskussion im Lande bestimmt. Die geringe Enthaltung von 2% und weniger deutet darauf hin, dass den Franzosen der Stierkampf nicht gleichgültig ist. Fraglich ist allerdings, ob sie sich ebenso entschieden hätten, wenn die Frage gelautet hätte: Sind Sie für oder gegen den Stierkampf? Viele Franzosen entscheiden sich nach dem Motto "Es ist verboten zu verbieten" grundsätzlich gegen Verbote aller Art und votieren entsprechend. Als 2001 in der Stierkampfstadt Fréjus an der Côte d'Azur die Bevölkerung nicht nach dem Verbot sondern einzig nach Pro und Kontra zum Stierkampf befragt wurde, lehnten 62% von ihnen den Stierkampf ab und nur 32% waren dafür.

 

Das Verbot des Stierkampfs, den die Franzosen mit dem spanischen Wort Corrida bezeichnen, hat in Frankreich eine lange Geschichte. Bis Mitte des 19. Jahrhunderts gab es keine Stierkämpfe in Frankreich. Als nach der Revolution von 1848 im Jahre 1850 das erste Tierschutzgesetz in Frankreich in Kraft trat, das die schlechte Behandlung und Quälerei von Haustieren in der Öffentlichkeit unter Strafe stellte, war die Veranstaltung von Stierkämpfen praktisch verboten.

 

Das Zweite Kaiserreich unter Napoleon III. änderte alles. Der Kaiser konnte dem Wunsch seiner andalusischen Gattin Eugénie de Montijo, die in ihrer neuen Heimat nicht auf die Sitten ihres Landes verzichten konnte, nicht wiederstehen und ließ 1853 in Bayonne die erste offizielle Corrida nach spanischer Art ausrichten. Spanien kam mit der jungen Kaiserin in Mode und damit auch die Corrida. Erst 17 Jahre später wurde in der Dritten Republik das 1850 verabschiedete Tierschutzgesetz im Jahre 1871 unter dem wesentlichen Einfluss von Victor Hugo wieder zum Leben erweckt und bis 1884 strikt befolgt. Danach wurden die Befugnisse der Bürgermeister erweitert, und der schwachen Regierung in Paris gelang es nicht, gegen die neue Machtvollkommenheit der lokalen Politiker das Verbot überall durchzusetzen. Die Corrida wurde zum Emblem des Südens im Kampf gegen den republikanischen Zentralismus erhoben.

 

In Nîmes, der heutigen Hochburg der Corrida kam es zu harten Auseinandersetzungen zwischen Zentralgewalt und Stadtrat, die zur wechselnden Folge von Verbot und Erlaubnis der eindeutig als Spanienimport bezeichneten Tierquälerei führten.1895 kam es zu der spektakulären Ausweisung eines spanischen Toreros durch die Staatsgewalt, der als Gastarbeiter zu ersetzen war, denn seinerzeit gab es noch keine französischen Stiertöter. Damals lehnten sogar die Bischöfe diese perversen Veranstaltungen vehement ab, heute werden sie dagegen mit dem seelsorgerischen Beistand der Kirche durchgeführt. Welch ein Sinneswandel! Aus der Zeit dieses Kulturkampfes stammt die geschichtswidrige Behauptung, dass die Corrida in Südfrankreich traditionelle Wurzeln hat, wobei wohlweißlich nicht mehr erwähnt wird, dass die Corrida von einer launigen Kaiserin aus Spanien importiert wurde.

 

Bis in die Neuzeit war das Ausrichten von Stierkämpfen trotz der Eigenmächtigkeit der Lokalfürsten illegal. Erst 1951 wurde der Stierkampf mit einer Ausnahmeregelung zum Gesetz von 1850 wieder legalisiert. Weiterhin gesetzmäßig als Tierquälerei betrachtet, wurde der Stierkampf nun dort, wo eine "ununterbrochene lokale Tradition" besteht, als Ausnahme zugelassen. Seitdem kam es zu einem Dammbruch, sodass gegenwärtig in Südfrankreich in mehr als 60 Städten das Gemetzel an den Stieren zelebriert werden darf. Der Begriff "ununterbrochene lokale Tradition" wurde sehr großzügig ausgelegt, sodass beispielsweise die Existenz eines Stierkampffanclubs in einer Stadt genügte, um die Bedingung zu erfüllen. Machtlos mussten die Stierkampfgegner zusehen, wie Gerichte Stierkämpfe mit fadenscheinigen Begründungen sanktionierten.

 

Das spanisches Importprodukt Corrida war nie ein Teil der Kultur des französischen Südens. Sie konnte sich dort in der Neuzeit nur deshalb ausbreiten, weil ein großer Anteil der Südfranzosen durch den spanischen Bürgerkrieg und durch Wanderarbeit bedingt spanischen Ursprungs sind und nicht auf ihr "Nationalvergnügen" verzichten wollten. Da die eigenständige okzitanische Kultur in Südfrankreich durch den Zentralismus des französischen Staates fast ausgerottet war , konnte sich die spanische Corrida in diesem Vakuum leicht ausbreiten. Geschäftemacher nutzten diesen Boom und ergriffen die Gelegenheit, sich mit Unterstützung gefälliger Politiker und sensationshungriger Medien zu bereichern. Eine ganze Industrie wäre heute durch ein neues Verbot der Corrida gefährdet. Präsident Sarkozy, bestens im Stierkampfmilieu eingebettet und auf der krampfartigen Suche nach Wachstumsindustrien, wird sich schwerlich zu einem Verbot der Barbarei durchringen. Doch vielleicht täuscht er sich in der langfristigen Überlebenschance der Corrida, denn die von Midi Libre georderte und auch andere Meinungsumfragen zeigen, dass der Anteil der jungen Leute, die mehrheitlich den Stierkampf ablehnen, stetig steigt.

 

Quellen: 

  • Elisabeth Hardouin-Fugier, Histoire de la corrida en Europe du XVIIIe au XXIe siècle, 2005                                                        Zusammenfassung in französischer Sprache
  • Le Petit Journal, vom 15.10.1894 und 15.9.1895

15.10.2007

 

Willkommen

Aktionen

Berichte & Artikel

Kontakt

Wer wir sind