
Baden-Württembergs Bildungsserver: Gespaltenes Verhältnis zum Stierkampf
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2008 geriet der Landesbildungsserver Baden-Württemberg in heftige
Kritik, weil aufdessen Webseite Schülern des Landes für den Spanisch-Unterricht Unterrichtsmaterialien über den Stierkampf mit "tierfeindlichen und gewaltverherrrlichenden Texten" zur Verfügung gestellt wurden. In
fünf
veröffentlichten Beiträgen wurde nicht ein einziges Mal
erwähnt, dass bei dieser grausamen Veranstaltung, empfindsame
Lebewesen brutal zu Tode gequält werden. Schlimmer noch, mit der
äthesierenden Darstellung einiger Beiträge hätten
Anhänger dieses schrecklichen Spektakels ihre
reine Freude gehabt. Nachdem bekannt wurde, wie einseitig der
Bildungsserver die baden-würtembergischen Schulen mit einseitigen
Materalien für den Stierkampf warb, wurde sie und die politisch
verantwortliche baden-würtembergische Regierung mit einer Flut von
Protesten empörter Eltern, Lehrern, Tierfreunden und kulturell
interessierten Bürger überschwemmt. Das
Kultusministerium, das dem Bildungserver zu Hilfe eilte, versprach daraufhin in einer Stellungnahme gegenüber den Stuttgarter Nachrichten Abhilfe und bald einen Text einzustellen, "der dezidiert zur kritischen Einordnung des Stierkampfs hinführen soll". Wie hat nun der Landesbildungsserver das Versprechen seines Ministriums umgesetzt? Die Einleitung zu den Unterrichtmaterialien klingt noch ganz gut: "Das Thema Stierkampf wird kontrovers diskutiert. Wir empfehlen eine ausgewogene Behandlung im Unterricht unter Einbeziehung der Argumente der Stierkampfgegner." Bei der ersten Seite kann festgestellt werden, dass man die Vorgabe des Ministeriums mit einer Gegenüberstellung von Pro und Kontra zwar erfüllt, sie aber doch recht lustlos umgesetzt hat. Zudem führen zwei Links zu Antistierkampf-Webseiten ins Leere. An den nachfolgend aufgefûhrten Materialien wurde von den Bildungsbeamten überhaupt nichts geändert und deshalb können wir unsere Kritik, die wir in unserem vorherigen Beitrag geäussert haben, wiederholen: Im ersten Beitrag Entrevista con Juan Carlos Cabello, novillero wird während einer Klassenreise ein Jungtorero der Stierkampfschule von Malaga von Schülern aus BW interviewt. Die Schüler stellen lauter Gefälligkeitsfragen und versuchen nicht einmal, das mörderische Handwerk dieses Stiertöters zu hinterfragen. Immerhin wurde er zu seiner Meinung über Stierkampfgegner gefragt, eine naive Frage, die er ziemlich lustlos beantwortete. Äußerst skandalös ist es, dass der Bildungsserver Schulklassen einen "mit Erfolg erprobten Programmvorschlag" für eine Studienreise nach Malaga unterbreitet, der den Besuch einer Stierkampfschule und ein Gespräch mit einem Torerolehrling vorsieht. Warum vermittelt der Landesbildungsserver den Schülern nicht ein Gespräch mit jungen spanischen Tierschützern, die ihnen eindrücklich darstellen können, mit welcher Grausamkeit die Stieren in den Arenen gefoltert werden? Der zweite Beitrag ¿Cómo se desarrolla la Corrida de Toros? stellt den Ablauf eines Stierkampfs dar. Ein aficionado könnte nicht besser die Grausamkeit dieses Spektakels verschleiern. Beiläufig wird nur der erste Teil des Martyriums des Stieres, dem "tercio de varas", erwähnt, bei dem der picador dem Tod geweihten Tier eine neun Zentimeter lange Stahlspitze in den Nacken stößt, um es gefügig zu machen. Auch beim Setzen der banderillas, dem "tercio de banderillas", wird keineswegs erwähnt, um welche Folterinstrumente es sich handelt. Eine Beschreibung des Zustands des gequälten Stieres, bevor ihm schließlich der Stiertöter den Todesstoß versetzt, mag der Autor des Artikels dem Leser nicht zumuten. Quasi als Entlastung wird noch auf die Begnadigung von Stieren hingewiesen, ohne jedoch zu erwähnen, dass diese äußerst selten praktiziert wird. Wie kann es auch anders sein, der Artikel wird mit Weblinks auf zwei spanische Corrida-Seiten abgeschlossen. Hinweise auf Anticorrida-Webseiten fehlen! Im dritten Kapitel werden Fotos de la Corrida gezeigt, die nichts von der Grausamkeit dieses schrecklichen Schauspiels erkennen lassen. Vom Anblick der blutenden Verletzungen der Stiere werden die Schüler verschont. Nahaufnahmen von gequälten Stieren werden nicht gezeigt, sie könnten doch unerwünschte Wirkung erzeugen. Den Schülern wird damit ein unrealistischer Eindruck von der Corrida vermittelt und wie die Wirklichkeit aussieht wird vertuscht. Im vierten Artikel El Torero hablaem wird dem spanischen Torero Anrés Luque Gago bereitwillig die Gelegenheit gegeben, sein grausames Handwerk zu rechtfertigen. Er war von 1947 bis 1986 Stiertöter und hat "niemals gesehen, das dem Stier Barbareien zugefügt wurden". Seiner Meinung nach verhindert das strenge Reglement und die Anwesenheit von Tierärzten, dem Präsidenten der Corrida und ein Vertreter der Stierzüchter jegliche Unregelmäßigkeit. Darüber hinaus werden die getöteten Stiere post mortem untersucht, um festzustellen, ob sie regelwidrig umgebracht wurden. Den Stierkampfgegnern erwidert er, dass "der mutige Stier ein Tier ist, das aussterben würde, wenn es keine Stierkämpfe gäbe". "Die Stierfeste sind das einzige Spektakel im 21. Jahrhundert, bei dem sich die Wahrheit offenbart." Diesen arroganten Sprüchen, die vom Bildungsserver mit keinem Wort kritisch kommentiert werden, haben wir nichts hinzuzufügen. Schließlich werden im fünften Beitrag Las partes del cuerpo del toro die Schüler nach der Anatomie des Stieres befragt. Die Autoren dieser Seite verpassten eine gute Gelegenheit zu demonstrieren, an welchen Körperteilen dem Stier die größten Qualen durch seine Folterer zugefügt werden. Wie weit die Stierkampfmafia den baden-württembergischen Bildungsserver schon unterwandert hatte, zeigte ein nicht mehr vorhandener Artikel, der einen Stierkampf-Fanclub in Holland die Gelegenheit gab, sich auf der Webseite des Bildungsservers vorzustellen. Aufgrund heftiger Proteste unserer holländischen Freunde vom Comité Anti Stierenvechten International wurde er vom Bildungsserver gelöscht. Das baden-württembergische Landesinstitut für Schulentwicklung präsentierte darin den Schülern ihres Landes eine Rede des Präsidenten des holländischen Stierkampffanclubs "La Peña Taurina de Holanda" anlässlich eines Stierkampfkongresses in Malaga. In seiner Rede beglückt dieser seine spanischen Folterbrüder mit einer ausführlichen Rechtfertigung der iberischen Tierquälerei und meint, dass die Argumente der Stierkampfgegner "weit von der Realität entfernt sind". Was unsere holländischen Freunde zum Stierkampf zu sagen haben, können die Schüler auf der spanischsprachigen Webseite der Organisation nachlesen. Das Comité Anti Stierenvechten International ist übrigens die mitgliederstärkste Antistierkampforganisationen Europas. Zur Ehrenrettungs des Landesbildungsserver Baden-Württemberg soll hier noch erwähnt werden, dass die Redakteure der französischen Lehrmaterialien zum Stierkampf eine ausgewogende Arbeit geliefert und den Stierkampfgegnern viel Platz eingeräumt haben. Es scheint so, dass ihre spanischen Kollegen noch nicht verdaut haben, dass ihr traditionelles Spanienbild einen starken Riss bekommen hat. Propaganda für eine der schlimmsten Tierquälereien, die nur noch unter dem gesetzlichen Schutz einiger rückständiger europäischer Länder stattfindet, sollte nicht toleriert werden. Jugendliche mit einseitigen Informationen über Tierquälerei zu beeinflussen, ist gefährlich, weil damit ihre Gewaltbereitschaft gegenüber Tieren gefördert wird. Der mit unseren Steuergeldern finanzierte Bildungsserver sollte im Sinne des in Deutschland geltenden Tierschutzgesetzes eindeutig Stellung nehmen und unsere Werte nicht einer Neutralität opfern, die den Missbrauch von Tieren in anderen Ländern Vorschub leistet. Wir bitten Sie, den Bildungsserver Baden-Württemberg aufzufordern, die einseitige Darstellung des Stierkampfs in den Unterrichtsmaterial zu beenden und sich eindeutig gegen die entsetzliche Massaker der Stiere in den spanischen und französischen Arenen einzusetzen. Schreiben Sie bitte an folgende Personen:
Baden-württembergische Eltern und BürgerInnen finden die Adressen ihrer Abgeordneten, an die sie sich persönlich wenden können, auf der Webseite des Landtags. Wir danken Ihnen im Voraus für die Unterstützung dieser Aktion! |