Ohne Stierkampf keine Stiere - Widerspruch!
Eine unveröffentlichte Lesermeinung zu einem Artikel in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
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In der
Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom28.2.2008 erschien ein Artikel
mit dem Titel
Ohne Stierkampf keine Stiere,
der den Lesern weismachen will,
dass ohne Stierkämpfe die
sogenannten spanischen Kampfstiere aussterben würden.
Der im Wesentlichen Stierkampf freundliche Artikel nimmt für seine Argumentation
ein Zitat des französischen Philosophen Francis Wolff
(1) von der Pariser
Sorbonne zu Hilfe: „Der Stier ist kein Haustier. Er ist wild. Sein
Leben muss frei sein und sein Tod würdevoll. Er darf nicht in einem Schlachthof
enden, sondern im Kampf in der Arena. Die Ethik der Corrida nährt sich aus der
Tapferkeit.“
(2) Der Artikel
erntete bei den Lesern der Zeitung
überwiegend heftigen Widerspruch
(Siehe
Lesermeinungen). Ein wichtiger Leserbrief, der nicht auf der Webseite der FAZ veröffentlicht wurde, wahrscheinlich weil er der Zeitung per Post zuging, können Sie nun hier lesen. Der Brief stammt von PAKT (Politischer Arbeitskreis für Tierrechte in Europa) und setzt sich ausführlich mit dem Artikel auseinander: Sehr geehrter Herr Wieland, sehr geehrte Redaktion der Frankfurter Allgemeinen Zeitung schätzen Sie das Niveau Ihrer Leser so niedrig ein, dass Sie glauben, diese mit Macho-Schwulst wie „Die Ethik der corrida nährt sich aus der Tapferkeit" beeindrucken zu können? „Stierkampf" hat weder mit Ethik noch mit Tapferkeit zu tun, das belegen schon die vielfach dokumentierten „Präparationen", der Stiere vor dem sog. „Kampf", wie Einreiben von Ölen oder ätzenden Stoffen in die Augen und Nüstern, Hunger und Durst, Schläge und andere Misshandlungen, Absägen der Hornspitzen um ihre Reaktionen in der Arena behindern. Die Technik des Stierkampfes nutzt nur aus, dass die Tiere aufgrund der Position ihrer Augen ein eingeschränktes Gesichtsfeld haben, d.h., dass sie nicht sehen können, was direkt vor ihnen ist. Die ganze „Kunst" des Toreros besteht also darin, mit seinem Tuch den Stier zu „reizen", dabei aber mit dem Körper im „toten Winkel" der Wahrnehmung des Tieres zu bleiben. Es wird also eine naturgegebene „Behinderung" eines Lebewesens ausgenutzt, dies ist nicht tapfer, sondern perfide und feige. Es gab auch Zeiten und soziale Verhältnisse, in denen man mit Behinderungen von Menschen, wie z.B. Kleinwuchs, Scherze trieb. In diese zum Glück vergangenen Zeiten der „Hofnarren" und „Leibzwerge" gehört auch der sog. „Stierkampf", der überhaupt kein „Kampf" ist sondern ein ritualisiertes Abschlachten, bei dem höchstens ein ganz ungewöhnliches Missgeschick seines Peinigers dem Stier einmal den Hauch einer Chance gibt. Interessant wäre auch einmal zu lesen, wie die Produzenten des pseudo-philosophischen Kitsches über Tod, Erotik, Tapferkeit, Grenzerfahrungen etc... etc... denn die allgegenwärtigen Dorffiestas kommentieren, bei denen kleine Kälber „tapfer" von Kindern mit Scheren und Messern traktiert werden, Kühe oder Stiere tagelang gequält, ins Wasser getrieben, wieder herausgezogen, geschlagen, mit Messern und Wurfgeschossen wie z.B. Feuerwerkskörpern attackiert, dann – nicht jedes Dorf kann sich schließlich seine eigene Kuh leisten – auf einem LKW zur nächsten Fiesta gekarrt werden, um dort vielleicht als „toro embolado", mit brennenden Wergballen auf dem Kopf zu enden. Gewiss, es gibt Menschen, die für die Leiden anderer Lebewesen unempfindlich sind oder sogar ein sadistisches Vergnügen daran finden. In viel größerer Zahl sind aber die Menschen, die Mitgefühl haben, Ekel und Abcheu empfinden und seelisch unter der allgegenwärtigen Tiermisshandlung leiden. Wie sehr das Lebensgefühl vieler Spanierinnen und Spanier durch diese im Namen angeblich „ihrer" Kultur begangenen Untaten beeinträchtigt wird, wissen wir durch unsere Kontakte dort. Die spanische Kultur „gehört" nicht den Stierkampfbefürwortern, und die Kritik am Stierkampf hat ebenfalls eine lange Tradition dort- man denke an den republikanischen Ministerpräsidenten (1936/37) Francesco Largo Caballero. Wir Europäer und Europäerinnen wollen nicht auf Kosten anderer Lebewesen die hässlichen Überreste einer überlebten Macho-(Un)kultur am Leben halten – und schon gar nicht mit unseren Steuergeldern. Neben Tieren sind ja gerade Frauen und Kinder ebenfalls Opfer dieser machistischen Gewaltverherrlichung. Wir fordern daher alle Abgeordneten des Europäischen Parlamentes auf, keine Steuermittel mehr für die Zucht sog. „Kampfstiere" auszuweisen. Dass es ohne „Stierkampf" keine „Kampfstiere" mehr gäbe, ist eine sehr durchsichtige Behauptung, denn - falls Artenschutz überhaupt in Betracht käme - dann könnten auch hier erfolgreiche Wildtierschutzkonzepte angewandt werden. Man müsste es nur wollen. Eine Frage noch an die Vertreter der christlichen Parteien im Europäischen Parlament: Christliche (insbesondere katholische) Studenten lehnten und lehnen das Mensurenschlagen (früher trotz mancher sozialen Nachteile wie mangelnder „Satisfaktionsfähigkeit) ab, weil es aus christlicher Sicht eine sündhafte mutwillige Selbstfährdung darstellt. Was ist der sog. „Stierkampf" anderes? Können Sie es mit Ihrem christlichen Gewissen verantworten, diesen aus Steuermitteln zu unterstützen? Wenn allen Ernstes der Stierkampf zu einer Auseinandersetzung mit dem Todesproblem hochstilisiert wird, so schlagen wir diesen Autoren Gespräche mit einsamen alten Menschen vor, das ist zwar weniger bequem, aber humaner und sozial sinnvoll. Mit freundlichem Gruß Edgar Guhde 1) Monsieur Wolff ist ein Stierkampfbesessener, der an der Pariser Ecole Normale Supérieure regelmäßig Kolloquien über den Stierkampf veranstaltet, bei denen Stierkampf begeisterte Intellektuelle sich in ihren Meinungen bestätigen und es wohlweislich vermeiden, mit Gegnern der von ihnen gefeierten Barbarei zu diskutieren. Siehe: Intellektuelle Selbstbefriedigung bei Stierkampf-Kolloquium in Paris 2) Um die Ausrottung der Löwen in den Reservaten Afrikas zu verhindern, ist es doch auch nicht notwendig die römischen Gradiatorenkämpfe wieder einzuführen. Soweit Löwen nicht von Wilderern und Großwildjägern bedroht sind, sterben sie einen "würdevollen" natürlichen Tod in der freien Wildbahn und enden weder in der Fleischfabrik noch bei barbarischen Kämpfen. |
21.03.2008