Die
Ecole Normale Supérieure in Paris, eine der „Grandes Ecoles“
Frankreichs, beschäftigt sich in einem Forum mit der “Ethik und Ästhetik
der Corrida“.
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Jacques
Derrida,
der große französische Philosoph, der im Jahr 2004 gestorben ist, würde sich
im Grabe umdrehen, wenn er Hätte
die Schule auch ihr ehrwürdiges ehemaliges Mitglied zu dem Kolloquium, dessen
Programm keinen Zweifel an seiner Tendenz zuließ, eingeladen? Dagegen scheuten
sie sich nicht, sich der Unterstützung der Tauromachie, wie in
Frankreich das Drumherum des Stierkampfs und die Corrida selbst genannt wird, zu
versichern. Die Stadt Nîmes,
eine Hochburg dieser Tierquälerei, und vor allem der sehr geschäftstüchtige
Stierkampfpromoter Simon Casas, Veranstalter der Gemetzel in der antiken
Arena von Nîmes und Aspirant für die Madrider Stierkampfarena, wurden
dem Programm als Sponsoren vorangestellt und als Anwesende bei der Eröffnung
des Kolloquiums entsprechend gewürdigt. Nach einer kritischen Betrachtung der
kodifizierten Tierquälerei wird man im Programm vergebens suchen und die
Einladung von Kritikern verbot sich von selbst. Immer
mehr versuchen die Stierkampfpromoter sich im akademischen Milieu ein Alibi zu
schaffen und ihr blutiges Folterhandwerk mit intellektuellem Weihrauch zu
vernebeln. Auf diesen Trick fällt ein Grossteil der französischen Schickeria
herein, die gierig die pseudointellektuellen Argumente aufnimmt, um damit beim Apéritiv
und anderen Events zu glänzen. Ernsthafte Gespräche über die
blutige Banalität des Stierkampfs sind dort nicht opportun und Leute, die es
wagen, das Thema anzuschneiden, gelten als Spaßverderber und werden als Gesprächspartner
gemieden. Die
Pariser Presse lässt sich ebenfalls vor den Wagen des Stierkampfkolloquiums
spannen. So schrieb die
linksintellektuelle Zeitung Libération :
»Das Prestige des Veranstaltungsortes und die Ernsthaftigkeit der
Gespräche haben das Kolloquium zu einer „Première“ in der Geschichte des
französischen Stierkampfs gemacht.« In der französischen Hauptstadt wurde
schon immer Geschichte gemacht und nun wird mit dem Kolloquium der Geschichte
der Grausamkeiten ein blutiges Kapitel hinzugefügt. Immerhin erwähnte Libération
abwertend, dass ein paar „Animalisten“ an der Veranstaltung teilnahmen und unterstrich damit wieder einmal ihre Geringschätzung
für die Stierkampfgegner, die der Schickeria im Sommer das Ferienvergnügen im
Midi vermasseln wollen. Den
Beobachtern der F.L.A.C. , Dachorganisation der französischen Stierkampfgegner,
drehte sich während der Veranstaltung, die sie als „intellektuelle Diarrhö“
empfanden, der Magen um. Lesen Sie dazu einen Kommentar. Von den beiden „feindlichen“ Beobachtern abgesehen,
waren die Stierkampffanatiker im Saal Dussane unter sich. Francis
Wolff, Direktor der
Abteilung Philosophie der ENS, gab mit seiner Einleitung klar die Richtung vor:
Der Stierkampf ist eine „Quelle der Inspiration für Schriftsteller,
Musiker, Choreographen etc.“ und
„gehört mythisch und anthropologisch gesehen zur kodifizierten
Schauspielkunst“. Die Veranstaltung soll nicht zur Corrida, die er im
gleichem Atemzug als eine „culture de l’exception“ hervorhob,
bekehren. Den Torero rückt er in die Nähe der stoischen Weisen:
« Man beherrscht seinen Gegner, weil man sich
in erster Linie selbst beherrscht. Man dominiert den Stier, weil man seine
eigenen Gefühle dominiert. (…). Man muss den Stier oder den Tod streifen,
damit man sich als davon losgelöst erweist. »
So
ging es immer weiter mit der philosophischen Akrobatik. Eine ganze Reihe von
Philosophen und Schriftsteller wurden zitiert und auf ihre Tauglichkeit zur philosophischen
Begründung der Stierkampfbarbarei abgeklopft: Aristoteles, Kant, Nietzsche,
Sartre, Hemingway usw. Bei Kant wurde zumindest eingeräumt, dass er
die Corrida wohl nicht gemocht hätte, obwohl er das Tier als Sache einstufte.
Alain Renaut, Professor an der Sorbonne, legte weiterhin dar, dass der
Stier die rohe Gewalt darstellt und alles Unmenschliche verkörpert, das in uns
Menschen schlummert. Voilà, die Rechtfertigung für das brutalen Abschlachten
der Stiere in der Arena! In dem Forum stellte niemand die Corrida in Frage,
niemand stellte die Frage, ob der Stierkampf wie Gladiatorenkämpfe und
Hexenverbrennungen nicht schon längst moralisch überholt sei. Die
ENS und die teilnehmenden Professoren, darunter Mitglieder der Académie
Francaise, stellten sich mit dieser Veranstaltung ein Armutszeugnis aus. Um
dieses Niveau zu halten, stellt sich nun die Frage, wann wohl die ENS ein
Kolloquium über die Ethik und Ästhetik des Alkoholismus veranstaltet? Für
dieses Thema böte sich Hemingway ebenfalls als ergiebige Referenz an. Warum
veranstaltet die Schule nicht auch ein Kolloquium über den ethischen und ästhetischen
Wert von Hahnenkämpfen, die sich in Frankreich immer noch einer grausamen vom
Gesetz tolerierten Tradition erfreuen. Die
Philosophen der ENS sind wohl im Denken Descartes’ steckengeblieben und
sprechen Tieren jegliches Empfindungsvermögen ab. Man sollte sie daran erinnern
, dass Pythagoras schon im 6. Jahrhundert v.Chr. jegliche Gewalt gegenüber
Tieren ablehnte, in einer Zeit, in der es noch keine Corrida gab. In der
griechischen Hochkultur hatte diese Unkultur keinen Platz! Nicht einmal den
Mithras-Kult, bei dem Stiere im Verborgenen und ohne qualvolle Agonie dem Gott
Mithras geopfert wurden, können die Stierkampfintellektuellen als kulturelles
Alibi anführen. Sind
die Geistesgrößen der ENS in ihrem Denken
schon so weit abgehoben, dass sie nicht zu der Erkenntnis fähig sind,
dass es sich beim Stierkampf einzig und allein um grausame Tierquälerei
handelt, die durch keine Ethik und Ästhetik zu rechtfertigen ist? Diente das
Forum nur dazu, die eigene Lust an der Folter und am grausamen Tod von
empfindsamen Lebewesen philosophisch zu entschuldigen? Keine noch so fein
gesponnene und im Grunde perverse Rechtfertigung kann darüber hinwegtäuschen,
dass der Stierkampf eine der grausamsten Tierquälereien ist, zu der Menschen fähig
sind. Mit
seinem Kolloquium wurde die Ecole Normale Supérieure zum Komplizen von
Folterknechten, die jährlich Tausende von Stieren unter dem Beifall einer blutrünstigen
Menschenmenge bestialisch quälen und abstechen! Wer sich von dem intellektuellen Gefasel überzeugen möchte, hat die Gelegenheit, sich auf der Webseite der ENS Ausschnitte des Kolloquiums in französischer Sprache anzuhören und als Video anzusehen. 16.01.2007 |