Intellektuelle Selbstbefriedigung bei Stierkampf-Kolloquium in Paris

Die Ecole Normale Supérieure in Paris, eine der „Grandes Ecoles“ Frankreichs, beschäftigt sich in einem Forum mit der “Ethik und Ästhetik der Corrida“.  

 Jacques Derrida, der große französische Philosoph, der im Jahr 2004 gestorben ist, würde sich im Grabe umdrehen, wenn er wüsste, dass seine Schule, die Ecole Normale Supérieure (ENS), am 16. und 17. Dezember 2005 ein Kolloquium über “Ethik und Ästhetik der Corrida“ veranstaltet hat. Von seiner Gegnerschaft zu dieser Barbarei, bei der jährlich im Süden Frankreich Tausende von Stieren öffentlich vor blutlüsternen Zuschauern grausam gequält und umgebracht werden, machte er zu Lebzeiten keinen Hehl und solidarisierte sich mit den Stierkampfgegnern, die ihn sogar zum Ehrenpräsidenten erhoben.

Hätte die Schule auch ihr ehrwürdiges ehemaliges Mitglied zu dem Kolloquium, dessen Programm keinen Zweifel an seiner Tendenz zuließ, eingeladen? Dagegen scheuten sie sich nicht, sich der Unterstützung der Tauromachie, wie in Frankreich das Drumherum des Stierkampfs und die Corrida selbst genannt wird, zu versichern.  Die Stadt Nîmes, eine Hochburg dieser Tierquälerei, und vor allem der sehr geschäftstüchtige Stierkampfpromoter Simon Casas, Veranstalter der Gemetzel in der antiken Arena von Nîmes und Aspirant für die Madrider Stierkampfarena, wurden dem Programm als Sponsoren vorangestellt und als Anwesende bei der Eröffnung des Kolloquiums entsprechend gewürdigt. Nach einer kritischen Betrachtung der kodifizierten Tierquälerei wird man im Programm vergebens suchen und die Einladung von Kritikern verbot sich von selbst.

Immer mehr versuchen die Stierkampfpromoter sich im akademischen Milieu ein Alibi zu schaffen und ihr blutiges Folterhandwerk mit intellektuellem Weihrauch zu vernebeln. Auf diesen Trick fällt ein Grossteil der französischen Schickeria herein, die gierig die pseudointellektuellen Argumente aufnimmt, um damit beim Apéritiv und anderen Events zu glänzen. Ernsthafte Gespräche über die blutige Banalität des Stierkampfs sind dort nicht opportun und Leute, die es wagen, das Thema anzuschneiden, gelten als Spaßverderber und werden als Gesprächspartner gemieden.

Die Pariser Presse lässt sich ebenfalls vor den Wagen des Stierkampfkolloquiums spannen.  So schrieb die linksintellektuelle Zeitung Libération :  »Das Prestige des Veranstaltungsortes und die Ernsthaftigkeit der Gespräche haben das Kolloquium zu einer „Première“ in der Geschichte des französischen Stierkampfs gemacht In der französischen Hauptstadt wurde schon immer Geschichte gemacht und nun wird mit dem Kolloquium der Geschichte der Grausamkeiten ein blutiges Kapitel hinzugefügt. Immerhin erwähnte Libération abwertend, dass ein paar Animalisten an der Veranstaltung teilnahmen und unterstrich damit wieder einmal ihre Geringschätzung für die Stierkampfgegner, die der Schickeria im Sommer das Ferienvergnügen im Midi vermasseln wollen.

Den Beobachtern der F.L.A.C. , Dachorganisation der französischen Stierkampfgegner, drehte sich während der Veranstaltung, die sie als „intellektuelle Diarrhö“ empfanden, der Magen um. Lesen Sie dazu einen Kommentar. Von den beiden „feindlichen“ Beobachtern abgesehen, waren die Stierkampffanatiker im Saal Dussane unter sich. Francis Wolff, Direktor der Abteilung Philosophie der ENS, gab mit seiner Einleitung klar die Richtung vor: Der Stierkampf ist eine „Quelle der Inspiration für Schriftsteller, Musiker, Choreographen etc.“  und „gehört mythisch und anthropologisch gesehen zur kodifizierten Schauspielkunst“. Die Veranstaltung soll nicht zur Corrida, die er im gleichem Atemzug als eine „culture de l’exception“ hervorhob, bekehren. Den Torero rückt er in die Nähe der stoischen Weisen: «  Man beherrscht seinen Gegner, weil man sich in erster Linie selbst beherrscht. Man dominiert den Stier, weil man seine eigenen Gefühle dominiert. (…). Man muss den Stier oder den Tod streifen, damit man sich als davon losgelöst erweist. »

So ging es immer weiter mit der philosophischen Akrobatik. Eine ganze Reihe von Philosophen und Schriftsteller  wurden zitiert und auf ihre Tauglichkeit zur philosophischen Begründung der Stierkampfbarbarei abgeklopft: Aristoteles, Kant, Nietzsche, Sartre, Hemingway usw. Bei Kant wurde zumindest eingeräumt, dass er die Corrida wohl nicht gemocht hätte, obwohl er das Tier als Sache einstufte. Alain Renaut, Professor an der Sorbonne, legte weiterhin dar, dass der Stier die rohe Gewalt darstellt und alles Unmenschliche verkörpert, das in uns Menschen schlummert. Voilà, die Rechtfertigung für das brutalen Abschlachten der Stiere in der Arena! In dem Forum stellte niemand die Corrida in Frage, niemand stellte die Frage, ob der Stierkampf wie Gladiatorenkämpfe und Hexenverbrennungen nicht schon längst moralisch überholt sei.

Die ENS und die teilnehmenden Professoren, darunter Mitglieder der Académie Francaise, stellten sich mit dieser Veranstaltung ein Armutszeugnis aus. Um dieses Niveau zu halten, stellt sich nun die Frage, wann wohl die ENS ein Kolloquium über die Ethik und Ästhetik des Alkoholismus veranstaltet? Für dieses Thema böte sich Hemingway ebenfalls als ergiebige Referenz an. Warum veranstaltet die Schule nicht auch ein Kolloquium über den ethischen und ästhetischen Wert von Hahnenkämpfen, die sich in Frankreich immer noch einer grausamen vom Gesetz tolerierten Tradition erfreuen.

Die Philosophen der ENS sind wohl im Denken Descartes’ steckengeblieben und sprechen Tieren jegliches Empfindungsvermögen ab. Man sollte sie daran erinnern , dass Pythagoras schon im 6. Jahrhundert v.Chr. jegliche Gewalt gegenüber Tieren ablehnte, in einer Zeit, in der es noch keine Corrida gab. In der griechischen Hochkultur hatte diese Unkultur keinen Platz! Nicht einmal den Mithras-Kult, bei dem Stiere im Verborgenen und ohne qualvolle Agonie dem Gott Mithras geopfert wurden, können die Stierkampfintellektuellen als kulturelles Alibi anführen.

Sind die Geistesgrößen der ENS in ihrem Denken  schon so weit abgehoben, dass sie nicht zu der Erkenntnis fähig sind, dass es sich beim Stierkampf einzig und allein um grausame Tierquälerei handelt, die durch keine Ethik und Ästhetik zu rechtfertigen ist? Diente das Forum nur dazu, die eigene Lust an der Folter und am grausamen Tod von empfindsamen Lebewesen philosophisch zu entschuldigen? Keine noch so fein gesponnene und im Grunde perverse Rechtfertigung kann darüber hinwegtäuschen, dass der Stierkampf eine der grausamsten Tierquälereien ist, zu der Menschen fähig sind.

Mit seinem Kolloquium wurde die Ecole Normale Supérieure zum Komplizen von Folterknechten, die jährlich Tausende von Stieren unter dem Beifall einer blutrünstigen Menschenmenge bestialisch quälen und abstechen!

Wer sich von dem intellektuellen Gefasel überzeugen möchte, hat die Gelegenheit, sich auf der Webseite der ENS Ausschnitte des Kolloquiums in französischer Sprache anzuhören und als Video anzusehen.

16.01.2007

 

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